Dienstag, 29. Januar 2008

Zerbricht der Mythos der Fed?

Die US-Notenbank unter ihrem Vorsitzenden Ben Bernanke zögerte lange, bevor sie dem Druck der Märkte nachgab und den Leitzins in einer außerordentlichen Sitzung deutlich um 75 Basispunkte senkte. Bei der regulären Sitzung am 30. Januar dürfte es eine weitere Zinssenkung geben. Offiziell begründeten die amerikanischen Notenbanker den Schritt damit, dass sich die Wachstumsbedingungen verschlechtert hätten.


Schlechtes Timing

Das Timing spricht eine andere Sprache. Die Zinssenkung erfolgte am 22. Januar und damit einen Tag nach dem stärksten Kurseinbruch an den Börsen seit dem 11. September 2001. Das Aufdrehen des Geldhahns sollte die Märkte beruhigen und vor allem die Funktionsfähigkeit der Kreditmärkte sicherstellen, denn die Bedingungen an den Kreditmärkten hatten sich in den Wochen vor dem Zinsschritt wieder deutlich verschlechtert. Letztendlich folgte die US-Notenbank damit ihrer Tradition, auf Finanzmarktturbulenzen mit Zinssenkungen zu reagieren. Die Europäische Zentralbank dagegen hat diese Tradition nicht. EZB-Chef Jean-Claude Trichet dämpfte daher sogleich aufkeimende Spekulationen, die EZB werde ebenfalls den Leitzins deutlich senken. Die europäische Notenbank sehe seiner Ansicht nach ihre Aufgabe darin, über eine Steuerung der Inflationserwartungen dem Markt langfristig Sicherheit und Stabilität zu geben. Kurzfristige Finanzmarktturbulenzen sollten laut dem deutschen Mitglied des EZB-Rats, Axel Weber, nicht überdramatisiert werden.


Bernanke in der Zwickmühle

Kritik an der US-Notenbank hagelt es nun von allen Seiten. Die Zinssenkung komme zu spät, tönt es aus der einen Ecke, der geldpolitische Aktionismus verhindere die notwendige Marktbereinigung, schallt es aus der anderen. Doch tatsächlich steckt Ben Bernanke in einer Zwickmühle, die er der Geldpolitik früherer Jahre zu verdanken hat. Unter seinem Vorgänger Alan Greenspan erhielt die Entwicklung an den Finanzmärkten eine zu große Bedeutung für die geldpolitischen Entscheidungen. Damit wurde an den Märkten die Erwartungshaltung geschaffen, dass die Fed schon zur Rettung eilen wird, wenn zu große Verluste drohen. Zudem wurde in den Jahren 2002 bis 2005 zu lange an der Niedrigzinspolitik festgehalten. Die moderaten Inflationsraten schienen dies zu erlauben. Tatsächlich äußerte sich die überschüssige Liquidität kaum in steigenden Güterpreisen, weil der durch die Globalisierung gestiegene Wettbewerb dies verhinderte. Stattdessen floss das Geld an die Kapitalmärkte und blähte dort die Preise auf. Eine stark gesunkene Risikoaversion vieler Finanzmarktakteure und die immer größere Bedeutung undurchschaubarer Finanzprodukte taten ihr übriges.


Worst Case ist möglich

Ben Bernanke dürfte sich der Notwendigkeit einer Marktbereinigung ebenfalls bewusst sein und deshalb widerstand er lange den Forderungen aus den in Not geratenen Finanzmarktkreisen. Mit der heftigen Zinssenkung sollen nun die Auswirkungen auf die US-Konjunktur abgemildert werden. Mit dem Timing wurde allerdings erneut der Mythos bedient, die Geldpolitik könne Konjunktur und Finanzmärkte nach Belieben steuern. Fatal wäre es, wenn dieser Mythos an der Realität zerbricht. Der zwar unwahrscheinliche, aber nicht unmögliche Worst Case ist, dass die US-Konjunktur trotz der Zinssenkungen nicht wieder an Fahrt gewinnt, die Inflationsrate hoch bleibt und der Dollar abstürzt.


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